{"id":151,"date":"2017-09-01T12:38:27","date_gmt":"2017-09-01T10:38:27","guid":{"rendered":"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/?p=151"},"modified":"2020-10-11T17:52:02","modified_gmt":"2020-10-11T15:52:02","slug":"verlogenes-ideal-der-demokratie-oberflaechen-design","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/verlogenes-ideal-der-demokratie-oberflaechen-design\/","title":{"rendered":"Unser verlogenes Ideal der Demokratie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Ideal von Demokratie geht davon aus, dass Demokratie durch die aktive Stimme des Einzelnen bewirkt wird. Der artikulierte Wille des Volkes, der so in politische Entscheidungen m\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"aadf\">Die anderen demokratischen Feinheiten, wie z.B. Wahlsysteme, ergeben sich nachrangig. Was nicht bedeuten soll, dass die Feinheiten nicht wichtig w\u00e4ren. Mir geht es hier aber um diesen sehr eng gerichteten Fokus. Denn an diesem Ideal messen wir, ob Demokratie funktioniert, was wir von jedem Einzelnen erwarten d\u00fcrfen, und ergr\u00fcnden fortlaufend, wie man Demokratie besser machen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"f5af\">Die \u00bbideale aktive Stimme\u00ab kann auf mehreren Wegen in den politischen Prozess eingebracht werden. Klassischerweise ist es der bedeutendste demokratische Moment: Die Abgabe der eigenen Stimme bei einer Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"62d6\">Hinzu kommt das Aus\u00fcben politischer \u00c4mter (in Vertretungen, R\u00e4ten, Parlamenten, Ministerien etc.), das private Engagement in Parteien oder anderen politisch wirkenden Organisationen (NGOs, B\u00fcrgerinitiativen, Vereine etc.), sowie die Teilnahme an B\u00fcrgerentscheiden oder Beteiligungsprojekten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"4b88\">Wenn man die \u00bbaktive Stimme\u00ab noch etwas weiter fasst \u2014 dann wird es schnell un\u00fcbersichtlich, aber so ist der Alltag eben \u2014, kann man noch die Teilnahme an Meinungsumfragen, das Schreiben von Leserbriefen oder Facebook-Kommentaren, Demonstrationen und Handlungen, die indirekt den politischen Status Quo bewerten, einbeziehen (Fl\u00fcchtlingen helfen, Autos anz\u00fcnden etc.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"5055\">Das sind jetzt gar nicht so viele Wege, auf denen man der eigenen Stimme aktiv Geh\u00f6r verschaffen kann. Wenn man den eigentlichen Wahlakt f\u00fcr einen Moment herausnimmt (manchmal muss man das leider nicht), bleibt nur noch eine Minderheit der Bev\u00f6lkerung, die Demokratie nach diesem Ideal auch im Alltag lebt. Und wenn man sich die wohl einfachste Form der aktiven Stimme anschaut, das Kommentieren im Netz, m\u00fcssen einem ernste Zweifel kommen, ob das f\u00fcr die Demokratie momentan produktiv ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"a0ea\">Da kann doch etwas nicht stimmen. Entweder wir haben eine ausgesprochen undemokratische Bev\u00f6lkerung, oder wir haben ein zu eng gefasstes Ideal unserer Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1910\" height=\"2560\" src=\"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-scaled.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-159\" srcset=\"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-scaled.jpeg 1910w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-537x720.jpeg 537w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-1433x1920.jpeg 1433w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-768x1029.jpeg 768w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-1146x1536.jpeg 1146w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-1528x2048.jpeg 1528w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-1200x1608.jpeg 1200w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-224x300.jpeg 224w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1rPVtP8CU4lgHIb6laRKU1w-2-1-764x1024.jpeg 764w\" sizes=\"auto, (max-width: 1910px) 100vw, 1910px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"5609\">Nicht falsch verstehen \u2014 ich spreche nicht vom Ideal des Staatsb\u00fcrgers. Hier m\u00fcsste man nat\u00fcrlich andere Ma\u00dfst\u00e4be anlegen. Ehrenamtliches Engagement, das Pflegen von Angeh\u00f6rigen, das Aufziehen von Kindern, Steuerehrlichkeit und unendlich viele andere Dinge. Ich rede hier von der Erwartung an uns als B\u00fcrger in unserer Demokratie vor dem Hintergrund seines Ideals. Eine interessante Verbindung dieser beiden Idealbilder ist, dass sie in Konkurrenz zueinander stehen. Aber das ist ein anderer Text.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"e573\">Wir loben zu Recht jeden, der aktiv seine Stimme abgibt oder erhebt, oder sich in Debatten einbringt. Aber die Kehrseite dieses Idealbilds ist die Erwartungshaltung, die aus ihr resultiert. Ihr k\u00f6nnen die meisten B\u00fcrger im Alltag weder gerecht werden, noch setzt es besonders kluge Anreize der demokratischen Beteiligung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"8db3\">Das Idealbild st\u00f6\u00dft uns im Alltag vor den Kopf und l\u00e4sst uns als Ausweg den Aktionismus (was Demagogen mindestens in die Karten spielt) oder den R\u00fcckzug von der Demokratie. Politisch engagierte Menschen sind besonders gut darin, mit dem Ideal um sich zu werfen, wann immer eine Diskussion in eine unangenehme Richtung l\u00e4uft.&nbsp;<em>\u201eDann mecker halt nicht, dann mach doch mal!\u201c,<\/em>&nbsp;ist dann ein hervorragendes Totschlagargument. Und nichts anderes als die Anwendung des Ideals.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"6bcd\">Wie hart das Idealbild in eine bestimmte Richtung dr\u00e4ngt, erkennt man schon an den politischen Begriffen. Alles, was vermeintlich aktiv ist, ist gut: sich einbringen, die Stimme erheben, auf eine Entscheidung dr\u00e4ngen, sich f\u00fcr etwas einsetzen, gegen etwas k\u00e4mpfen, eine Unterschrift leisten, Position beziehen, eine Aktion planen, Widerstand leisten, et cetera. Man muss dabei nat\u00fcrlich noch aufpassen, dass man \u201erichtig\u201c handelt, sonst passt es auch nicht zum Ideal. Taktisch w\u00e4hlen? Aus Protest w\u00e4hlen? Nicht w\u00e4hlen? Wird der Stimme nicht gerecht. Und politische Spenden sind ja mehr so ein Freikaufen von Verantwortung (Man kann es sich leisten, nicht selbst aktiv zu werden.) und\/oder Machtmissbrauch (man kauft Politik).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"59f0\">Was aber gar nicht geht, ist passiv zu sein. Nicht mitmachen geht nicht. Und kritisieren darf man hinterher nur, wenn man vorher auch gew\u00e4hlt hat. Also die richtige Partei. Wer beim letzten Mal die falsche Partei gew\u00e4hlt hat, ist auch raus. Wenn man w\u00e4hlen will, muss man aber auch informiert sein und eine definitive Meinung zu CETA haben. Sich nicht \u00fcber TTIP informiert zu haben geht nat\u00fcrlich gar nicht. Und nur zu sagen, was man nicht will, ist zu einfach \u2014 die politische H\u00e4ngematte. Man muss schon wissen, wo man hinwill, und ein Konzept in der Tasche haben, das dann auch tr\u00e4gt. Die Nachrichten nur \u00fcber Facebook konsumieren (ganz b\u00f6ses Wort)? Bitte etwas mehr Engagement! Phoenix ist z.B. super und nach 22:00 Uhr teilweise auch echt unterhaltsam, manchmal. Und danach den Quellencheck nicht vergessen!&nbsp;<em>+++ Bayer kauft Monsanto +++<\/em>&nbsp;Da muss man doch schnell eine Position beziehen, am besten eine eigene, und rein in die Debatte und rauf auf Facebook. Oder?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"27fe\">Es soll ja Menschen geben, die neben dem Leben noch arbeiten, oder sich einfach f\u00fcr andere Dinge interessieren als Politik.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"6267\">Nun will ich wirklich nicht empfehlen, dass sich weniger Menschen politisch engagieren. Und so ein Idealbild ist im Idealfall ja einfach ein erstrebenswertes Ziel, das man sich zwar vornimmt, aber nie wirklich erreichen muss. In diesem Fall ist es aber nicht nur unrealistisch sondern auch kontraproduktiv. Und im Fall unserer Demokratie ist ein Ideal auch deutlich wichtiger als ein leicht beschwipstes Neujahrsversprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"74c9\">Ich f\u00fcrchte, wir haben uns ein Scheinideal zugelegt. Es verh\u00e4lt sich wie der Riese in Jim Knopf, der umso kleiner wird, je n\u00e4her man ihm kommt. Je st\u00e4rker wir im Allgemeinen und die politisch Engagierten im Besonderen auf das makellose Bild der Demokratie pochen, desto unzug\u00e4nglicher und unproduktiver werden unsere demokratischen Prozesse.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignfull size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"203\" src=\"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1k4Ky3TER-_3uyHBxll99kA-2-1024x203.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-157\" srcset=\"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1k4Ky3TER-_3uyHBxll99kA-2-1024x203.jpeg 1024w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1k4Ky3TER-_3uyHBxll99kA-2-720x143.jpeg 720w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1k4Ky3TER-_3uyHBxll99kA-2-768x152.jpeg 768w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1k4Ky3TER-_3uyHBxll99kA-2-1536x304.jpeg 1536w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1k4Ky3TER-_3uyHBxll99kA-2-1200x238.jpeg 1200w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1k4Ky3TER-_3uyHBxll99kA-2-300x59.jpeg 300w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1k4Ky3TER-_3uyHBxll99kA-2.jpeg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"ccc3\">Perspektivenwechsel<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"ad21\">Was passiert, wenn wir versuchen, uns die gelebte politische Norm anzuschauen (so verschwommen das Bild darauf auch ist) und das Idealbild f\u00fcr einen Moment beiseitelegen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"6fff\">Oder anders gefragt: Was passiert, wenn man sich die Oberfl\u00e4chen unserer Demokratie durch die Augen der Mehrheit anschaut? Sieht man dann eine dystopische Welt aus der Sicht passiver apolitischer Mitl\u00e4ufer, abgeh\u00e4ngt von einer kleinen hyperaktiven Elite an der Spitze der Republik? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht bietet diese Perspektive ja eine Chance f\u00fcr die Demokratie. Was funktioniert eigentlich im Moment und was nicht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"fc98\">Es folgen einige Beobachtungen zu den Oberfl\u00e4chen unserer Demokratie:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"92bb\">07:00 Uhr, Nachrichten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"b960\">Die meisten Menschen kommen wohl \u00fcber Nachrichten mit Politik in Kontakt \u2014 daran l\u00e4sst sich die Perspektive gut durchspielen. Die Nachrichten gelangen auf ganz unterschiedlichen Wegen, und vor ganz unterschiedlichen Oberfl\u00e4chen zu uns. Mal als morgendliches Ritual zeitungslesend am Fr\u00fchst\u00fcckstisch, oder eher beil\u00e4ufig durchs Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen, \u00fcber das Radio auf dem Weg zur Arbeit, zwischen den Fotos von letzter Nacht im Facebook-Stream, oder beim Smalltalk in der ersten Pause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"905c\">Vor dem Ideal der Demokratie passiert hier nicht viel. Es wird nichts entschieden, und der Wille des Volkes wird auch nicht sichtbar. Es passiert auch eher selten, dass jemand vom Fr\u00fchst\u00fcckstisch aufspringt und eine Demonstration anmeldet oder ein B\u00fcrgerbegehren anstrengt. Wenn das der Normalfall w\u00e4re, w\u00fcrden wir uns h\u00fcten, am Morgen auch nur in die N\u00e4he von Nachrichten zu geraten. Der Alltag ist f\u00fcr die Mehrheit die Zeit des politischen Konsums \u2014 und das sch\u00e4tzt das Ideal nicht. Ein Fehler:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"69e7\">Nimmt man das Ideal weg, sieht man, dass trotzdem eine Menge los ist. Klar, News sind erst mal ein leichter und manchmal auch unterhaltsamer Zeitvertreib. Die Zeit w\u00fcrden wir aber nicht aufwenden, wenn wir nicht ab und zu etwas Relevantes erfahren w\u00fcrden. Und das ist manchmal eben auch politisch. Das ist ein ausgesprochen unscheinbarer, von au\u00dfen betrachtet passiv wirkender Vorgang. Wir testen fortlaufend ab ob uns das, was wir konsumieren, ber\u00fchrt oder betrifft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"55d2\">Tut es das \u2014 hier muss man die Abh\u00e4ngigkeit und die Reihenfolge einmal deutlich betonen \u2014 ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass wir uns dar\u00fcber unterhalten. Und dieser Punkt ist ungemein wertvoll, selbst wenn danach \u00fcberhaupt keine weitere aktive Handlung folgt. Wir merken dann, dass sich unsere Kollegen f\u00fcr ganz andere Themen interessieren, oder unsere Freunde von ganz \u00e4hnlichen Dingen betroffen sind, oder dass unser Partner ein- und dieselbe Nachricht ganz anders bewertet. Was k\u00f6nnte f\u00fcr die Demokratie wertvoller sein?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"887d\">Dieser oberfl\u00e4chliche Moment ist empirisch so schwer fassbar. Wir k\u00f6nnen ihn nicht ausz\u00e4hlen wie eine Stimme oder repr\u00e4sentativ hochrechnen wie eine Antwort zu einer Umfrage. Wir k\u00f6nnen versuchen uns kommunikationstheoretisch, psychologisch oder soziologisch anzun\u00e4hern, zum Schluss z\u00e4hlt in der Demokratie aber nur das eigene Erleben. Dieser Moment bleibt immer privat und hochindividuell. Er entscheidet nicht, er spielt \u2014 deswegen geht er dem Ideal verloren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wir reden, um immer mehr von dem zu verstehen, von dem wir gleichzeitig immer weniger verstehen. Wir reden, um einen Teppich auszubreiten, \u00fcber den wir dann laufen k\u00f6nnen und unter dem wir die Welt vermuten. Wir reden nicht, um etwas herauszufinden, sondern um etwas auszuprobieren. Zu h\u00f6ren, wie es klingt, am Klang zu erkennen, was wir eventuell noch meinen, und am Gegen\u00fcber zu erleben, wie weit das reicht.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-52715204.html\">\u2014 Dirk Baecker<\/a><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"788c\">Was w\u00e4re schlimmer als diesen Moment unmittelbar und final mit demokratischer Willensbildung zu beenden, nur weil das f\u00fcr die Demokratie vermeintlich der Idealfall ist? Ich will um 09:00 Uhr beim zweiten Kaffee noch gar nicht wissen m\u00fcssen, wie man die Weltfinanzkrise l\u00f6st. Kann ich auch nicht. Und ich will auch nicht, dass das Jemand von mir erwartet. Im \u00dcbrigen: Sogar der morgendliche Small Talk zwischen zwei Politikwissenschaftlern ist eine oberfl\u00e4chliche Angelegenheit, die selten sofort zu etwas f\u00fchrt. Deswegen ist sie nicht weniger wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"87cf\"><em>An Oberfl\u00e4chen wird das Politische im Alltag erfahrbar und seine Relevanz f\u00fcr uns \u00fcberpr\u00fcfbar. Demokratie beginnt, wenn wir uns dar\u00fcber unterhalten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"1677\">20:00 Uhr, Talkshows<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"31e7\">Wir ahnen es schon. Es wird wieder nichts entschieden. Und der Wille des Volkes sitzt auch nur als Gast mit am Tisch \u2014 repr\u00e4sentativ f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung ist das nie. Trotzdem schauen Millionen zu. Millionen, jede Woche! Das ist doch fantastisch!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"db47\">Und notwendig. Das Konsumieren dieser Talkshows hat einen ganz unmittelbaren Einfluss auf die G\u00e4ste und damit auf Politik. Das sieht man nur nicht, wenn der Scheinriese im Weg steht. Dann kann man sich dar\u00fcber lustig machen, wie sinnlos und flach so eine Sendung ist. All diese hohlen Phrasen, die \u00fcberdramatischen Einspieler, der oberfl\u00e4chliche Fokus auf Charakterz\u00fcge und der kommunikative Stil, und die G\u00e4ste sind ja auch immer die gleichen und die Fragen zu seicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"7559\">In diesen Sendungen g\u00e4be es gar niemanden der diskutiert, wenn keiner zuschauen w\u00fcrde. Weder der Politiker, der am Abend auch gerne mal in Ruhe Fernsehen schauen w\u00fcrde, noch die eingeladene Frau aus dem Volk. Neben der Einschaltquote, die die Sendung finanziert, braucht es nun mal ein Publikum, damit man zu jemandem sprechen kann \u2014 das klingt selbstverst\u00e4ndlich, hat aber ganz konkrete Auswirkungen auf Politik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"602e\">Das Publikum hat in dieser Situation eine enorme Macht, obwohl es keine Entscheidung oder Abstimmung herbeif\u00fchren kann. Durch blo\u00dfes Zuschauen erzwingen wir, dass sich Politiker damit besch\u00e4ftigen m\u00fcssen, ob sie in eine Sendung gehen (Einer aus der Partei muss ja!), in welche (Die mit der gro\u00dfen Reichweite, oder die mit dem interessanteren Publikum?), zu welchem Thema (Welche Themen sind gerade wichtig? Bei welchen kann man nur verlieren?), f\u00fcr wen sie dort sprechen (Regierung, Fraktion, als Abgeordneter oder vielleicht privat?), wie sie zum Thema stehen, wie sie diese Position dem Publikum erkl\u00e4ren und begr\u00fcnden wollen, und wie sie sich zu Politikern verhalten, die das Thema ganz anders sehen. Und dann sitzt in der Sendung die Kassiererin aus Zwickau oder der F\u00f6rster aus Amberg und sagt, dass die Welt bei ihnen eigentlich ganz anders aussieht als in Berlin. Wir erwarten dann, dass der Politiker sich stellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"8553\">Und bei der Antwort k\u00f6nnen wir zuschauen, ganz passiv in Jogginghose mit Chips in der Hand. Kostenlos, jederzeit, Woche f\u00fcr Woche, aufgezeichnet f\u00fcr die Ewigkeit. Das ist allt\u00e4gliche demokratische Kontrolle. Und erfahren wir da wirklich so viel weniger als in einem Wahlprogramm? Allein die Tatsache, dass wir immer, also wirklich immer, erleben k\u00f6nnen, dass man zu jedem erdenklichen Thema unterschiedliche Positionen beziehen kann, ist schon etwas wert. Es muss nicht immer sofort etwas entschieden oder durchgeplant sein, damit die Demokratie etwas davon hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"2d77\">Es ist nat\u00fcrlich gut, wenn sich der Zuschauer \u00fcber eine Talkshow informiert, und sich zu einem Thema eine eigene Meinung bilden kann, die dann auch seine Wahl beeinflusst. Ich glaube aber nicht, dass letzteres zwingend notwendig ist, damit man von einem Erfolg f\u00fcr die Demokratie sprechen kann. Deswegen sollte man es auch nicht immer voraussetzen oder erzwingen \u2014 das verleitet uns nur, st\u00e4ndig in Gewinner und Verlierer von Debatten zu unterteilen. Als ob das Erleben dieser Debatte an sich nicht schon ein Gewinn w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"0279\">Meinungsfreiheit ist auch die Freiheit, mal keine Meinung zu haben. Soll man ernsthaft nach einer einst\u00fcndigen Talkshow ein Urteil \u00fcber TTIP f\u00e4llen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"65c7\">Ich lese dann immer, das ginge nur nicht, weil wir ein Bildungsproblem haben. Was ein elit\u00e4rer Schei\u00df. Die Personen auf der Welt, die ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA vollst\u00e4ndig durchblicken k\u00f6nnen, kann man an zwei H\u00e4nden abz\u00e4hlen. Und die sind sich immer noch unsicher und wahrscheinlich nicht mal einig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"f53c\">Wenn wir ernsthaft so tun, als k\u00f6nnten wir dieses Wissen allen wahlberechtigten Amerikanern und Europ\u00e4ern beibringen, wenn wir nur gen\u00fcgend Geld in Bildung investieren w\u00fcrden, kann ich nur sagen: Viel Gl\u00fcck. Und Geld. Und Zeit. Und hoffentlich kommt dann nicht wieder eine Finanzkrise dazwischen. Die sind auch immer kompliziert und werden quengelig, wenn sie warten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"5d48\">Als ob dieses Ideal \u00fcberhaupt gesellschaftlich erstrebenswert w\u00e4re. Es ist ja nicht so, als w\u00fcrde man f\u00fcr eine Party h\u00e4nderingend nach Experten suchen, die im Moment peinlicher Stille in die Runde fragen \u201eWollt ihr mal den ultimativen \u00dcberblick \u00fcber das Transatlantic Trade and Investment Partnership Agreement bekommen?\u201c. Wobei das ein sch\u00f6ner Anfang f\u00fcr einen Witz sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"d5c6\">Genau darauf zielt das Ideal aber ab. Also nicht auf den Witz, sondern auf eine finale Abstimmung. Selbst dann, wenn eine Talkshow ganz offensichtlich v\u00f6llig ungeeignet ist, um zu einer politischen Entscheidung zu kommen. Und nebenbei verstellt es den Blick auf den Teil der Sendung, der uns erstens mehr \u00fcber Politik verr\u00e4t als jedes Wahlprogramm und zweitens im Alltag f\u00fcr uns der viel bessere Zugang zu Politik ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"68e6\"><em>Der passive Akt des Konsums politischer Oberfl\u00e4chen \u00fcbt demokratische Kontrolle aus. Er ist allt\u00e4glich gelebte Demokratie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"3d14\">22:00 Uhr, Facebook<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"3a1a\">Das Internet hat erst mal das Potential, die oben beschriebenen Effekte f\u00fcr die Demokratie zu verst\u00e4rken. Es bietet einen besseren Zugang zu mehr Nachrichten, mehr Unterhaltungen, mehr M\u00f6glichkeiten, Politik zu beobachten und definitiv mehr Meinungen. Wir m\u00fcssen uns diesen Ort anschauen, weil er inzwischen das t\u00e4gliche Erleben von Politik pr\u00e4gt wie kein anderer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"ff56\">Ich f\u00fcrchte, dass die beschriebene Differenz zwischen dem demokratischen Ideal und der gelebten Norm, sich durch das Netz eher vergr\u00f6\u00dfert. Und dass die aktiven Handlungen, die es bef\u00f6rdert, derzeit keinen Anschluss an unsere Demokratie finden k\u00f6nnen. Das ist mehr als unbefriedigend. Ich versuche es mal mit der neu gewonnenen Perspektive zu begr\u00fcnden \u2014 dann kann man neben den viel besprochenen Filterblasen, Echokammern, der Asynchronit\u00e4t, der Anonymit\u00e4t und Demokratisierung von \u00d6ffentlichkeit (Wenn ich einen Text empfehlen sollte, w\u00e4re es&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.ctrl-verlust.net\/das-regime-der-demokratischen-wahrheit-teil-i-comical-spicer\/\">\u201eDas Regime der demokratischen Wahrheit\u201c hier dr\u00fcben bei mspr0<\/a>) noch ein paar einfachere Effekte der Kommunikation im Netz erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"d432\">1.Im Netz muss ich nicht mehr \u00fcber Politik stolpern. Es gibt keine \u00dcberschrift auf Seite 1 die, wenn ich zum Sportteil will, mein Interesse f\u00fcr den Krieg in Syrien wecken k\u00f6nnte. Wenn ich \u00fcber diese Nachricht nicht stolpere, kann ich beim Small Talk von meinem Gegen\u00fcber auch nicht erwarten (\u201eHast du schon geh\u00f6rt\u2026\u201c), dass es ein lohnendes Thema w\u00e4re. Damit ist die erste Chance f\u00fcr die Demokratie bereits vertan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"633d\">Die Titelseite einer Zeitung (oder der Aufmacher einer TV-Nachrichtensendung etc.) erzwingt Relevanz. Ihre Funktion ist das Erleichtern der Suche nach relevanten Informationen, deswegen ist sie so wichtig. Das klappt sicher nicht immer und kann missbraucht werden, aber generell gilt: Was auf der Titelseite steht, ist wichtig, weil Dinge, die auf der Titelseite stehen, wichtig sind. Das ist so plump wie wirkm\u00e4chtig, und jeden Tag aufs Neue eine Chance f\u00fcr die Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"ca03\">Im Facebook-Stream gibt es keine Titelseite, und schon gar keinen prominenten Ort f\u00fcr politische Inhalte.&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.vox.com\/2016\/5\/13\/11661156\/facebook-political-bias\">Politische Inhalt sind Facebook genau so gleichg\u00fcltig wie alle anderen auch.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"3b2b\">Und dieser Effekt tritt noch auf, bevor ich mich in irgendeiner Filterblase befinde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"431c\"><em>Das Konsumieren von politischen Inhalten im Netz wird zwar leichter, aber nicht wahrscheinlicher, weil einge\u00fcbte Relevanzmechanismen nicht mehr greifen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"9eb3\">2.Zu den Filterblasen gibt es ein interessantes&nbsp;<a href=\"http:\/\/graphics.wsj.com\/blue-feed-red-feed\/\">Projekt des Wall Street Journals,<\/a>&nbsp;das zwei Facebook-Streams nebeneinander zeigt. Einen, der auf konservativen Quellen beruht und einen gef\u00fcllt mit liberalen Meinungen und Nachrichten. Ein spannendes Projekt. Es fehlt aber etwas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"fdc1\">Ich stelle mir neben den beiden Streams einen Dritten, einen ganz frei von politischen Inhalten vor. Wie viele diesen wohl im Alltag sehen? Wie diese Menschen wohl Politik erleben? Tun sie das \u00fcberhaupt? Vielleicht sollten die politisch Engagierten ganz froh sein, wenn es eine oberfl\u00e4chliche Homestory zu einem Politiker auf brigitte.de gibt und sich mit Kritik etwas zur\u00fcckhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"ad94\">3.Ab und zu wird sich Politik wohl auch in den unpolitischsten Stream einen Weg bahnen. Vor gro\u00dfen Wahlen und in Krisenzeiten wird die Wahrscheinlichkeit steigen. Nun gibt es, wenn man eine politische Nachricht auf Facebook erh\u00e4lt, zwei verschiedene F\u00e4lle \u2014 beide sind f\u00fcr die Demokratie strukturell eher ung\u00fcnstig gebaut \u2014 , die man voneinander trennen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"433f\">Der erste liegt etwas n\u00e4her am vorherigen Beispiel von 09:00 Uhr. Jemand konsumiert einen politischen Inhalt, weil ein Freund eine Nachricht oder eine Meinung auf Facebook teilt. So weit, so hilfreich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"b43e\">Der entscheidende Unterschied zum Smalltalk am K\u00fcchentisch oder w\u00e4hrend der Arbeit ist nun, dass dieser Moment alles andere als privat oder gesch\u00fctzt ist. Wie soll man da die Leichtigkeit besitzen, sich langsam an eine eigene Position anzun\u00e4hern? Einfach mal auszutesten, was geht, zu erfahren, was der andere meint? Und dann ist auch noch alles zwangsweise in Textform festgehalten, und \u201edas Internet vergisst ja nichts\u201c. Wenn der Chef, die Schwiegermutter, und ein fremder Freundeskreis mitlesen k\u00f6nnen, geht das spielerische Element verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"6e97\">Der zweite Fall beginnt damit, dass jemand die politische Nachricht direkt von der Nachrichtenquelle erh\u00e4lt. Analog zum Lesen der Zeitung oder dem Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen. Jetzt kann man nur hoffen, dass niemand den Versuch unternimmt, sich direkt in den Kommentaren \u00fcber das Thema auszutauschen. \u201eMal schauen wie Andere das so sehen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"1d74\">Das grauenvolle am Kommentarbereich unter politischen Nachrichten ist nicht der Ton, diese Aggressivit\u00e4t, die Unverst\u00e4ndlichkeit und die absolute Un\u00fcbersichtlichkeit, sondern vor allem, dass dort immer schon alles ausdiskutiert ist. Manchmal sachlich, meistens nicht. Meistens verwandelt sich noch vor dem dritten Kommentar die Welt in eine epische Schlacht aus Gut und B\u00f6se. Als m\u00fcsste jeder noch so kleine Konflikt unbedingt diese Nacht noch final ausgefochten werden.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"330\" src=\"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1f7CaAqKTP3gYnx2xDanSmQ.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-152\" srcset=\"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1f7CaAqKTP3gYnx2xDanSmQ.png 300w, https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1f7CaAqKTP3gYnx2xDanSmQ-273x300.png 273w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption><a href=\"https:\/\/xkcd.com\/386\/\">xkcd<\/a>, (CC BY-NC 2.5)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"c107\">Im Kommentarbereich ist immer alles klar, logisch, vollkommen rational und eindeutig und du sollst keine Meinung neben mir haben. Und weil immer schon alles bis in den hintersten Diskussionsstrang ausdiskutiert ist \u2014 bis hinein in v\u00f6llig unverwandte Themengebiete, die sich gerade auch irgendwie gut anf\u00fchlen oder auf denen man minimal Boden gutmachen kann \u2014, k\u00f6nnen wir gar nicht mehr erleben, wie man sich selbst m\u00fchsam eine Meinung zusammenzimmert.&nbsp;<strong>Und dieser Prozess ist f\u00fcr die Demokratie mindestens so wichtig, wie eine zu haben.&nbsp;<\/strong><br><br>Ich glaube, an diesem Punkt kommen zwei Dinge zusammen. Das falsche Ideal fordert von uns ein, immer schon eine Meinung zu haben \u2014 alle anderen haben ja vermeintlich auch eine \u2014 , und der strukturelle Unterschied des Mediums Internet f\u00fchrt zu einer asynchronen Kommunikation. Es ist einfach keine gute Mischung, wenn Hunderte \u00fcber Stunden hinweg hintereinander alle Recht haben. Hinzu kommt,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"e74e\">4.dass wir st\u00e4ndig mit Unbekannten kommunizieren. Der Lerneffekt von einem Fremden zu erfahren, dass er anderer Meinung ist erfordert weniger Empathie, als wenn das Gleiche mit einem Freund oder Bekannten passiert. Den sehe ich sp\u00e4ter nochmal wieder. Der Fremde bleibt einfach fremd. Wie komfortabel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"3df7\">5.Der Journalismus hat sich mal die Regel auferlegt zwischen Information und Meinung zu trennen. Eine wundervoll aufkl\u00e4rerische Idee, die den Moment der Meinungsbildung sch\u00fctzt. Wenn jede Information, die \u00fcber die Medien transportiert wird, eindeutig politisch auf oder gegen etwas einzahlt, k\u00f6nnten wir diese Informationen ja einfach alle vier Jahre ausz\u00e4hlen und uns das Nachdenken und W\u00e4hlen gleich sparen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"b8ab\">Vor der Oberfl\u00e4che von Facebook ist aber jede Nachricht bereits unterlegt mit Kommentierungen. Das mag das Ideal: Der kleine mitlaufende, sich st\u00e4ndig aktualisierende Volkswille. Fast schon direkte Demokratie, oder? 3.724 Leuten gef\u00e4llt das, 1.208 sind w\u00fctend, drei Hipster lachen ironisch, 647 Menschen haben kommentiert. Eine der gr\u00f6\u00dferen Errungenschaften des Journalismus: woosh, weg. Bevor man auch nur die Chance h\u00e4tte, zum Artikel zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"29d3\">6.Das Interface von Facebook \u00fcberbetont die vielen Menschen, die sich durch Reaktionen und in den Kommentaren austoben; der eigentliche Inhalt der hinter dem Beitrag liegt, ist nicht relevant. Facebook mag z\u00e4hlbare Aktivit\u00e4t genau wie das Ideal. Aber wie viele Menschen wohl von dieser Meinungsschlacht abgeschreckt oder schlicht \u00fcberfordert werden und fl\u00fcchten? Das sind ideale Voraussetzungen f\u00fcr Populisten und Demagogen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"05ae\">\u00c0 propos weiterscrollen: Unter der Nachricht lauert schon der n\u00e4chste Beitrag:&nbsp;<em>+++ Eil-Appell gestartet: Teile dieses Video und unterzeichne hier! +++<\/em>&nbsp;Und das mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit im Tonfall, als h\u00e4tten wir das Grundgesetz damals gemeinsam auf einer Aktionsplattform zusammengeklickt. Ich will diese Plattformen gar nicht grunds\u00e4tzlich verurteilen, wir und die \u00fcben noch, aber etwas Kritik verdienen sie an dieser Stelle. Diese Petitionen sind immer total dringend (Demokratie braucht aber Zeit.) und machen es nicht ohne ein mehr oder minder kreativ zusammengekl\u00f6ppeltes Weltuntergangsszenario (Demokratie macht Fehler, kann sie aber auch eigenst\u00e4ndig korrigieren \u2014 deswegen haben wir sie ja.). Und sie erwecken nicht ganz subtil den Anschein, als m\u00fcsse man eben nur \u201eaktiv\u201c unterzeichnen. Was danach passieren soll, bleibt sehr oft nebul\u00f6s.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"0bdc\">Vielleicht wissen diese Plattformen noch nicht genau, was man mit der eingesammelten Meinung eigentlich machen sollte. Das ist vollkommen in Ordnung, wenn auch ein wenig verlogen. Aber sie m\u00fcssen ja nicht zeitgleich das System was wir haben, mit einrei\u00dfen. In jeder x-ten Petition ist von etwas wahnsinnig Undemokratischen die Rede. Ein Beispiel von&nbsp;<em>campact<\/em>&nbsp;(inzwischen leider&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.campact.de\/megastaelle\/appell\/teilnehmen\/\">offline<\/a>\u2026):&nbsp;<em>\u201e\u2026weil landwirtschaftliche Anlagen unabh\u00e4ngig von ihrer Gr\u00f6\u00dfe durch das Baurecht privilegiert werden, sind B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger oft machtlos. Es ist Zeit, dass dieser undemokratische Zustand beendet wird\u2026\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"e31b\"><mark>Vielleicht sind gro\u00dfe St\u00e4lle schei\u00dfe. Vielleicht ist unser Baurecht auch schei\u00dfe. Und vielleicht sollten wir beides \u00e4ndern. Aber daran ist \u00fcberhaupt rein gar nichts undemokratisch.&nbsp;<\/mark><mark>Demokratisch ist doch nicht das, was mir gerade gef\u00e4llt.<\/mark>&nbsp;Diese Plattformen erwecken den Eindruck, als w\u00fcrde Demokratie ohne sie \u00fcberhaupt nicht mehr funktionieren. Dabei gibt es sie ja nur, weil wir Demokratie haben. Das ist doch absurd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"dc49\"><em>Die Oberfl\u00e4chen im Netz \u00fcberbetonen z\u00e4hlbare Aktivit\u00e4ten, die im Alltag der Demokratie nicht produktiv genutzt werden k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"c37b\">Das ist alles in allem noch \u2014 ich bleibe da Optimist, wir werden das lernen \u2014 keine Oberfl\u00e4che, vor der man Demokratie erleben, geschweige denn im Kleinen ein\u00fcben k\u00f6nnte. Es ist wahnsinnig einfach, im Netz jederzeit \u00fcber alles in jedem beliebigen Kreis abzustimmen. Wir haben aber bisher weder eine Diskussionskultur (Nicht im Sinne von nett, sondern im Sinne von Kulturtechniken, die auf die \u00dcberforderung durch das Netz antworten.), noch einen passenden Ort gefunden (eine Art digitales Lagerfeuer), an dem man vorher gut streiten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"82e2\">Warum ist das so? Und warum so viel schlimmer, wenn es speziell um Politik geht? Weil das Ideal so tut, als seien unsere Aktivit\u00e4ten nur so f\u00fcr die Demokratie wertvoll.&nbsp;<mark>Was am Wahltag ideal ist, \u00fcberfordert aber im Alltag. Das Ideal verk\u00fcrzt Demokratie darauf, dass man eine eigene Meinung hat und sie aktiv kundtut. Dann hat man etwas getan, Recht und dann soll die Politik mal loslegen.<\/mark><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"29d9\">So passiv kann Aktivit\u00e4t sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"f64b\">Um das Argument, dass Aktivit\u00e4t f\u00fcr unsere Demokratie nicht zwingend besser ist als Passivit\u00e4t, abschlie\u00dfend auf die Spitze zu treiben: Kann das andere Extrem, wenn es f\u00fcr eine begrenzte Zeit gelebt wird, f\u00fcr die Demokratie nicht ungemein gewinnbringend sein? Ist ein Vater, der sich aus dem politischen Spektakel nimmt um sich um sein Neugeborenes zu k\u00fcmmern, oder die Frau, die sich f\u00fcr einige Zeit voll auf ihre Karriere konzentriert, am Ende nicht ein ziemlich guter W\u00e4hler?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"3879\">Was das Ideal verkennt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"a916\">Der Fehler des Ideals besteht nicht darin, dass es Meinung und Engagement sch\u00e4tzt, sondern darin, dass es alles andere verkennt. Das passive Konsumieren von Politik ist die Voraussetzung daf\u00fcr, dass \u00fcberhaupt demokratisch gehandelt werden kann. An der Oberfl\u00e4che erleben wir Politik auch im Alltag, obwohl wir so wenig Zeit f\u00fcr sie haben. An ihnen erkennen wir von Zeit zu Zeit die Relevanz von Politik, auch wenn Politik selten unterhaltsam ist. Wir k\u00f6nnen an Ihnen Politik kontrollieren, ohne selbst aktiv zu werden oder bereits alles durchdacht zu haben. Deswegen bestimmen diese Oberfl\u00e4chen mit, ob unsere Handlungen f\u00fcr die Demokratie auch nutzbar sind. Deswegen sind sie die Grundvorraussetzung f\u00fcr eine funktionierende Demokratie. Wir m\u00fcssen uns um sie k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teil II: <a href=\"https:\/\/fredericranft.de\/artikel\/der-designfehler-der-demokratie\/\">Zum Designfehler der Demokratie.<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"f5f8\">Titelbild:<em>&nbsp;By Mfield, Matthew Field,&nbsp;<\/em><a href=\"http:\/\/www.photography.mattfield.com\/\"><em>http:\/\/www.photography.mattfield.com<\/em><\/a><em>; edit by Waugsberg (rotation 0,4\u00b0) \u2014 Own work, GFDL 1.2,&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=11793846\"><em>https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=11793846<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"44ee\"><em>Danke an Martina, Lucas, Alex und Max.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>tl;dr \u2013 Unser Ideal von Demokratie \u00fcberbetont die aktive Stimme der W\u00e4hler, und verkennt die F\u00e4higkeit der passiven Beobachtung von Oberfl\u00e4chen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"webmentions_disabled_pings":false,"webmentions_disabled":false,"activitypub_content_warning":"","activitypub_content_visibility":"","activitypub_max_image_attachments":3,"activitypub_interaction_policy_quote":"anyone","activitypub_status":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-151","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Unser verlogenes Ideal der Demokratie &#187; 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