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Was die deutschen Parteien von Trumps Sieg lernen können

Es gibt so eine eigenartige Positionierung zu Donald Trump. Ich schreibe „eigenartig“, weil das den Text noch etwas offenlässt, meine aber ehrlicherweise „mir unverständlich“. Sie kennen sie wahrscheinlich.

Diese Position wird in verschiedenen Ausprägungen von klugen und erfolgreichen Menschen eingenommen. Links wie rechts, vielleicht eher bei einem leicht libertären Einschlag, aber insgesamt recht unpolitisch.

Die Positionierung beginnt fast immer mit einem „Aber…“, – was ja selten gut endet. Leicht hämisch vorgetragen, mit so einer aufgesetzt-lässigen Art, die auch Ironie signalisieren könnte. Vielleicht. Oder?

Sie lautet ungefähr so:

„Aber muss man nicht einsehen, dass er damit Erfolg hat? Erreicht er damit nicht genau das, was er will? So sind die Menschen nun mal. Man muss doch zugestehen, wir reden wieder alle nur über ihn! Und ich erinnere noch einmal: Er hat die Wahl ja gewonnen! Da lagen die sogenannten Experten aber…“

Das ist für viele der Ausgangspunkt: Er hat gewonnen, da muss also etwas sein. Und danach folgen – manchmal unabsichtlich – mehr oder weniger elaborierte Relativierungen einer katastrophalen Amtszeit, die man eigentlich nur als Niederlage der Menschheit insgesamt werten kann. Aber darum soll es hier nicht gehen, das Kind ist bereits in den tiefen, dunklen, Lava-gefüllten Brunnen gefallen.

Was ich interessanter, weil so beklemmend finde, ist die Frage, warum so viele erfolgreiche Menschen auf diese Position gesogen werden. Mir erscheint das nicht selbst gewählt zu sein. Die Position setzt sich eher durch wie teure Wohnobjekte, die monetären Erfolg signalisieren sollen, aber für jedermann offenkundig hässlich sind.

Meine Vermutung ist, dass diese Positionierung mit ästhetischen Sachverhalten zu tun hat. Und die sind immer einen zweiten Blick wert.

Trump wurde der Sieg zugetraut, nicht das Regieren

Dass „Er hat gewonnen!“ noch kein Argument für irgendwas ist, müsste offensichtlich sein. Beim Mord gewinnt ja auch nur einer und das ist selten der Tote. Aber etwas fasziniert an Gewinnern und am Gewinnen. Mehr als am eigentlichen Gewinn.

Ich erinnere mich gut, dass einer der häufigeren Erklärungsversuche von Nate Silver in der Vorwahlphase der Republikaner 2016 in etwa folgendermaßen lautete: „Trump umgibt gerade eine Aura des Sieges. Deswegen gewinnt er. Das funktioniert aber nur so lange, bis er nicht mehr gewinnt. Und dann wird er so richtig verlieren.“ Wenn man das aufschreibt oder Satz für Satz liest, klingt das natürlich saudumm. Und es kam ja auch anders. Wenn es in einem Podcast oder beim flüchtigen Lesen so an einem vorbeifliegt, erscheint es aber irgendwie intuitiv plausibel, oder?

Trump selbst warf diese Erklärung immer wieder auf. Seine gesamte Marke beruht darauf, erfolgreich zu wirken. Für den Fall seines Wahlsieges versprach er den Amerikanern, dass sie gemeinsam so viel gewinnen würden, dass das Gewinnen an sich langweilig werden würde. So much winning! Das kam für viele auch ganz anders.

Vor vier Jahren gab es Menschen, die wollten, dass Trump gewinnt, aber nicht wirklich, dass er regiert.

Es gibt so etwas wie eine rein ästhetische Motivation. Manche von uns kaufen sich aus ihr heraus ab und an Schnittblumen. Weil sie als Strauss auf dem Tisch gut sind. Man kann nichts mit ihnen machen. Sie sind für Nichts gut, aber als Strauss eben schon. Gerade weil sie nur als Strauss und nicht für etwas gut sind, werden sie gekauft. Dadurch haben sie einen anderen Wert als z. B. eine Topfpflanze, die zumindest noch lebt und Sauerstoff produziert oder Kerzenhalter, die man gut für Kerzen, die wiederum Licht geben, gebrauchen kann.

Trumps Sieg war und ist für viele nicht gut für etwas, sondern gut als etwas. Es ist der betörende und gänzlich unpolitische Geschmack des Sieges.

Mythen des Erfolgs

Auch dieser erklärt, warum so viele Menschen versuchen, etwas im Phänomen Trump zu entdecken, dabei umherirren und häufiger auf diese eigenartige Position gesogen werden. Ihnen geht es nicht wirklich um politische oder wenigstens taktische Erkenntnisse, sondern um Erzählungen des Erfolgs an sich. Diese sind ein besonders zugänglicher, aber eben – sobald es um Politik geht – tückischer Ausgangspunkt für die eigenen Überlegungen.

Man kennt sehr ähnliche Phänomene aus dem Sport. Dort gibt es auch „Siegertypen“ und folgerichtig die „Erfolgsfans“. Die man als „echter“ Fan natürlich total doof findet. Dass Teams, die häufiger gewinnen, dadurch eine höhere Reichweite haben und letztendlich mehr Fans generieren als andere, leuchtet insgeheim aber jedem ein. Gewinnen fühlt sich schon ganz gut an. Auch wenn man als Zuschauer nur einen sehr kleinen Teil des Sieges ausmacht (gefühlt!), und der Sieg sonst für nichts gut ist, wächst einem der Verein oder Sportler doch irgendwie ans Herz. Und im Sport ist dieser Sachverhalt für den Lauf der Welt ja auch völlig wumpe.

Bei der Wahl des US-Präsidenten und der Politik im Allgemeinen ist es das nicht: Der Ausgangspunkt „Erfolg“ erzeugt aber auch hier schnell Identitäres, ohne dass es eine wenigstens lose Rückbindung an eine Absicht oder ein Ziel – ein „Für“ geben müsste. Die Vorstellung erst mal zu Gewinnen ist eben sehr schön. Aber spätestens dann gefährlich, wenn man nicht selbst in der Hand hat, wofür da eigentlich gewonnen wurde.

„Mit“ Jemandem gedanklich gewonnen zu haben, erzeugt eine Beziehung, in die man investiert ist. Und selbst wenn man inhaltlich konträr zu allem steht, was dieser Sieg an Folgen nach sich zieht, scheint es häufig eine unterwürfige Empathie mit dem Sieger zu geben. Er hat gewonnen. Da muss etwas sein.

Im Falle von Trumps Sieg muss man sich dann auf die Suche nach diesen „Fürs“ begeben und mangels Alternative zusammenschustern, damit der Sieg weiter plausibel und bedeutsam bleiben kann. Es muss unbedingt ein errungener Sieg sein, von dem man etwas lernen könnte. Der etwas über die Welt verrät, was man exklusiv für sich verstanden hat. Ein kleiner strategischer Vorteil. Vielleicht auch einfach etwas, das den eigenen Erfolg verklärt.

„Aber war nicht gerade Trump seit Jahren der einzige Kandidat, der sich wieder um die Kohle-Jobs kümmern wollte?“ erscheint dann plötzlich eine dieser klugen Fragen zu sein, um nur mal ein prominentes Beispiel anzureißen: Nein, war er nicht. Und die klügere Frage wäre die gesamte Zeit über gewesen, was man mit „kümmern“ meint. Was ist die Politik hinter dem Kümmern? Nach Trumps Amtszeit gibt es in den USA weniger Kohle-Jobs als zuvor. War das beim Kümmern mitgemeint?

Nach vier Jahren abwarten, Chance geben und ganz distanziert abwägen einmal zurückgefragt: Soll man aus dieser so tiefgründig gestellten Frage vielleicht einfach nur lernen, dass es eine erfolgreiche politische Taktik sein kann, Dinge zu versprechen, die man nicht halten kann? – Das könnte man dann ja auch einfach so aussprechen! Aber das macht natürlich keiner. Weil das in Wahrheit für niemanden eine brillante und überraschende Erkenntnis ist.

Wenn man aber so sehr will, dass dieser Wahlsieg irgendetwas Bedeutendes erklärt, erscheint auf einmal jeder zweite Absatz aus einem Grundkurs-Buch in Geschichte oder PoWi als funkelnd, neu und bedenkenswert. Populisten sind schon mal politisch erfolgreich? Ach, so was! Wenn man einen Feind außerhalb des eigenen Landes aufbaut, kann man von innenpolitischen Problemen ablenken? Das gibts ja nicht. Starke Führungsfiguren gewinnen Wahlen? Aha! Menschen gegeneinander auszuspielen ist eine funktionierende Taktik? Poah. Den politischen Gegnern Angst einjagen, damit sie sich nicht zur Wahl trauen, erhöht die eigenen Wahlchancen? Vielleicht kann man die Gegenstimmen direkt für ungültig erklären lassen? Was ein genialer politischer Trick! Dieser ausgefuchste Trump wird immer noch unterschätzt.

Man muss den Regelbruch aber nicht als geniales Manöver verharmlosen.

All diese Fragen, mit denen versucht wird, Bedeutung in etwas hineinzudenken, wo keine ist, münden letztlich in einer einzigen, nüchternen, fantasiefreien und völlig ambitionslosen Erkenntnis: Wenn man die denkbar schlechteste Welt annimmt, kann man sie auch haben.

Deswegen lautet die überhaupt nicht klug klingende, aber korrekte Antwort auf die Frage, was die deutschen Parteien von Trump lernen können: nichts.

Von Frédéric Ranft

Ich gestalte Kommunikation.

„Trump wurde der Sieg zugetraut, nicht das Regieren.“ – Das trifft es ganz gut und erinnert mich an die dubiosen Sales-Coaches, die einem regelmäßig die Social-Media-Timeline mit ihren Anzeigen zuspamen. Da geht es auch immer nur ums „Deals closen“, „Mehr Kunden gewinnen“ und „Umsatz steigen“. Dass nach dem „Deal“ die eigentliche, wertschöpfende Arbeit gemacht werden muss, spielt da augenscheinlich keine Rolle.

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