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Das größte Risiko für den Wahlkampf der SPD

Die SPD muss sich diesmal etwas zutrauen, was sie nicht so gut kann. Deswegen wünsche ich mir für den Bundestagswahlkampf nur diese eine Sache.

Klar, mal wieder richtig Gewinnen wäre nach 20 Jahren auch schön… wie das wohl wahr?

Aber ich könnte meiner Partei auch eine Wahlniederlage locker verzeihen. Das Verlieren ist ja auch ein wichtiger Teil des demokratischen Spiels. Und für die gute Sache verlieren war bis hier hin ganz erträglich, während man immer weiter regiert und die Welt Stück für Stück verbessert hat. Opposition wäre natürlich ganz großer Mist, aber ertragen würde ich es.

Was mir beim Wahlkampf letztlich auch alles nicht so wichtig ist: Pannen bei Events und Livestreams, Tippfehler auf Wahlkampfprodukten, dösige Hashtags, Versprecher in Interviews, ausfallende Webseiten, quartalsirre Einzelkandidaten, Gruppenfotos unter rot-leuchtenden Pavillon-Dächern, dazugehörige „Nette Gespräche, gerne wieder“-Postings, große Budgets für kleine Kugelschreiber, um sich selbst kreisende Arbeitsgruppen und letztlich verzeihe ich sogar dieses völlig statische rote Quadrat noch einiges mehr. Alles nicht entscheidend.

Wahlkampf ist nunmal komplex. Und große Parteien sind kompliziert. Damit sind Wahlkämpfe der SPD so etwas wie das Apollo-Projekt der deutschen Politik – da passieren auch mal Fehler.

Aber eine Sache ertrage ich nicht mehr und hege daher folgenden Wunsch: Ich hätte gern, dass diese Partei und ihre Kampagne mal ein Risiko eingeht. Spätestens wenn man auf der Wegstrecke merkt, dass der Wahlkampf nicht zündet. Besser vorher.

Nicht diese durchschaubaren Alibi-Manöver á la „Wir schließen jetzt offiziell aus mit XY zu koalieren“ oder „Wir stellen einen 5-Punkte-Plan vor“ (üBerRasChunG!), sondern ein real existierendes Risiko. Etwas, wo die Gefahr besteht, mit Pauken und Trompeten unterzugehen, zu den Umfragen noch einmal 5% zu verlieren und die E-Mail an die Mitglieder mit „Verf*ckte Scheiße!“ beginnen zu müssen.

Das, oder vielleicht zahlt sich das Risiko ja aus?

Das Schlimme an den vergangenen Wahlniederlagen war nicht verloren zu haben, sondern nicht riskiert zu haben – obwohl elendig weit im Voraus absehbar war, dass von alleine nichts besser wird.

Dieses bange Warten auf die letzte Plakatwelle. Die dann ganz „OK“ wird, obwohl allen klar ist, dass „OK“ in der Situation für nichts reicht. Oder der groß angekündigte finale Livestream, der für alle Beteiligten megastressig ist, technisch einwandfrei abläuft, in dem dann aber nichts gesagt wird, was noch einen Unterschied machen könnte.

Die SPD braucht nicht noch so einen Wahlkampf, der sich irgendwie bis zum Wahlsonntag durchwurschtelt und als heimliches Ziel hat, später einmal sagen zu können „Wir haben ja keinen großen Fehler gemacht!“

Niemand wird überzeugt von dem Wahlkampf, in dem kein großer Fehler gemacht wird. Niemand. Jemals. Menschen merken einfach, ob etwas solide und vorsichtig abgearbeitet oder etwas mehr gegeben und riskiert wird. Wenn die SPD ihr Bestes zeigen will, muss sie auch mal ein Risiko eingehen.

Im Gegensatz zur Apollo-Mission stirbt doch auch keiner durch einen Fehler in einer SPD-Wahlkampagne. Die Republik ginge nicht sogleich in Flammen auf!

„Wir haben ja keinen großen Fehler gemacht!“, bedeutet doch nur „Wir haben nichts riskiert und viele kleine Fehler gemacht, damit alle diffus gleich viel Schuld haben, aber keiner erkennbar.“

Dieses eine Mal hätte ich gerne, dass jemand in einer Wahlkampfsitzung, wenn weit und breit kein Risiko erkennbar ist, fragt: Bringt das denn auch was?

Ich hätte gern, dass jemand danach fragt, was man mit Risiko jetzt noch gewinnen könnte, anstatt immer nach möglichen Gründen für ein Scheitern zu suchen.

Ein Comeback der SPD ist möglich, da bin ich mir sicher.
Ein Comeback ohne Risiko sicher nicht. Es wäre das größte Risiko für den Wahlkampf der SPD.

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Von Frédéric Ranft

Ich gestalte Kommunikation.

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